Neue Stärke durch klare Profile

Wie die Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel den Wandel der Kranken­haus­land­schaft gestalten

Interview mit Michael Schmidt, Geschäfts­führer Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH

Die Kranken­haus­land­schaft steht unter erheb­lichem Verän­de­rungs­druck: Fachkräf­te­mangel, steigende Kosten, neue gesetz­liche Vorgaben und die fortschrei­tende Spezia­li­sierung stellen viele Häuser vor grund­le­gende Herausforderungen.

Gefragt sind Struk­turen, die medizi­nische Qualität sichern, Kompe­tenzen bündeln und zugleich eine verläss­liche Versorgung in der Region gewähr­leisten. In Nordhessen reagieren drei tradi­ti­ons­reiche Kliniken auf diese Entwicklung mit einem gemein­samen Verbund. Das Marienkrankenhaus Kassel, das Elisabeth-Krankenhaus Kassel und das St. Elisabeth-Krankenhaus Volkmarsen bilden heute die Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH (MEK) unter dem Dach der St. Vinzenz gGmbH. Die Standorte behalten ihre Namen und Profile, sollen ihre medizi­ni­schen Stärken künftig jedoch noch gezielter ambulant ausspielen und ihre Leistungen enger verzahnen.

Michael-Schmidt-Geschaeftsfuehrer
Michael Schmidt, Geschäfts­führer Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH

Für MEK-Geschäfts­führer Michael Schmidt ist die Fusion mehr als eine wirtschaft­liche Entscheidung. Im Mittel­punkt steht die Frage, wie sich medizi­nische Qualität, Spezia­li­sierung und wohnortnahe Versorgung künftig mitein­ander verbinden lassen.

Herr Schmidt, warum sind größere Klinik­ver­bünde heute notwendig?

Michael Schmidt: Wirtschaft­liche Vorteile spielen selbst­ver­ständlich eine Rolle. Größere Struk­turen können Aufgaben wie IT, Einkauf, Perso­nal­ent­wicklung oder Wissens­transfer effizi­enter organi­sieren. Für mich steht aber zunächst die medizi­nische Perspektive im Vorder­grund. In einer Stadt wie Kassel ist es ein Vorteil, zwischen mehreren Kranken­häusern wählen zu können. Diese Wahl muss jedoch nicht bedeuten, dass jedes Haus alle Leistungen anbietet. Unser Ziel ist ein abgestimmtes, komple­men­täres Angebot: Die Menschen sollen klar erkennen können, welcher Standort für welches medizi­nische Anliegen besonders geeignet ist. Wettbewerb kann die Versorgung verbessern – zu viel Konkurrenz um gleiche Leistungen führt jedoch schnell zu Unübersichtlichkeit.

Die beiden Kasseler Häuser verbindet zudem eine lange gemeinsame Geschichte. Beide wurden vor mehr als 100 Jahren von Ordens­ge­mein­schaften gegründet und sind durch ihre vinzen­ti­ni­schen Wurzeln verbunden. Jedoch haben sie unter­schied­liche medizi­nische Schwer­punkte entwi­ckelt. Diese Stärken wollen wir zusam­men­f­ühren, nicht vereinheitlichen.

Wo liegen die größten Chancen der Bündelung – und welche Heraus­for­de­rungen bringt sie mit sich?

Michael Schmidt: Die größte Chance ist die Verbindung von Spezia­li­sierung und Kompetenz. Wenn medizi­nische Leistungen gezielt gebündelt werden, lassen sich Erfahrung, Fachwissen und perso­nelle Ressourcen konzen­trieren. Das kommt letztlich der Behand­lungs­qua­lität zugute. Die Profile unserer Standorte ergänzen sich gut. Das Elisabeth-Krankenhaus Kassel verfügt über besondere Stärken in der Notfall­ver­sorgung, Unfall­chir­urgie, Kardio­logie, Urologie und im Brust­zentrum. Das Marienkrankenhaus Kassel ist unter anderem auf dem Gebiet der Pneumo­logie, Visze­ral­me­dizin, Wirbel­säu­len­chir­urgie und Pallia­tiv­me­dizin spezia­li­siert. In Volkmarsen hat sich über Jahrzehnte eine besondere Expertise in der Gefäß­me­dizin entwickelt.

Die Heraus­for­derung besteht darin, die Standorte auch organi­sa­to­risch enger zusam­men­zu­führen. Die räumliche Distanz muss durch gemeinsame Prozesse und verläss­liche Struk­turen über­wunden werden. Ein Beispiel ist unsere gemeinsame Endoskopie in Kassel: Die Fachkräfte werden stand­or­tü­ber­greifend einge­ar­beitet und arbeiten mit vergleich­baren Abläufen und Materialien. So soll die Kompetenz des gesamten Verbunds an beiden Kasseler Stand­orten verfügbar sein.

Wie lässt sich Spezia­li­sierung mit einer wohnort­nahen Versorgung vereinbaren?

Michael Schmidt: Zunächst müssen wir fragen, was „wohnortnah“ heute bedeutet. Bei akuten Erkran­kungen sind kurze Wege und eine leistungs­fähige Notfall­ver­sorgung entscheidend. Bei komplexen oder planbaren Eingriffen steht dagegen die medizi­nische Qualität im Vorder­grund. Hochspe­zia­li­sierte Leistungen überall vorzu­halten, ist weder sinnvoll noch dauerhaft möglich – insbe­sondere dann nicht, wenn die notwen­digen Fachkräfte und die erfor­der­liche Erfahrung fehlen. Deshalb darf die Diskussion nicht allein um Gebäude und Standorte kreisen. Entscheidend ist auch, wer dort künftig arbeiten kann. Gerade im  ländlichen Raum wird die Verfüg­barkeit quali­fi­zierter Fachkräfte zu einer zentralen Frage. In bestimmten Bereichen kann es sinnvoller sein, Leistungen an einem starken Kompe­tenz­zentrum zu bündeln und dafür längere Wege in Kauf zu nehmen.

Volkmarsen zeigt, dass ein kleiner Standort durch eine klare Spezia­li­sierung erfolg­reich sein kann. Die Gefäß­chir­urgie nimmt dort eine besondere Stellung ein. Bei bestimmten Eingriffen zählt die Klinik zu den führenden Häusern in Hessen. Ein weiterer Punkt: Das dort prakti­zierte Beleg­arzt­wesen trägt zur engen Verzahnung von ambulanter und statio­närer Medizin bei. Viele chronisch Kranke werden über lange Zeit von denselben Ärzten begleitet – das schafft Vertrauen und Kontinuität.

Welche Bedeutung haben Medizi­nische Versor­gungs­zentren in diesem Wandel?

Michael Schmidt: Die MVZ sind längst mehr als ein Anhängsel eines Kranken­hauses. Sie werden zu einem wichtigen Baustein der gesamten Versor­gungs­kette. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, die Übergänge zwischen ambulanter und statio­närer Medizin besser zu gestalten. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ sorgt dafür, dass Behand­lungen, die früher mit längeren Kranken­haus­auf­ent­halten verbunden waren, heute ambulant oder mit deutlich kürzerer Verweil­dauer durch­ge­führt werden. Die MVZ helfen dabei, Diagnostik, Behandlung und Nachsorge enger mitein­ander zu verbinden. 

Unsere ambulanten Angebote bauen wir vor allem dort aus, wo wir auch über starke stationäre Kompe­tenzen verfügen. Ärzte können in beiden Bereichen tätig sein und ihr Fachwissen sekto­ren­ü­ber­greifend einbringen. MVZ helfen dabei, dass Patienten die Übergänge zwischen den verschie­denen Versor­gungs­be­reichen möglichst reibungslos erleben.

Was bringt eine Kranken­haus­fusion den Patienten – und was den Beschäftigten?

Michael Schmidt: Patienten profi­tieren von einem breiteren, besser aufein­ander abgestimmten Leistungs­an­gebot. Sie sollen an jedem Standort von der Expertise des gesamten Verbunds profi­tieren. Gleich­zeitig bleiben die vertrauten Häuser, Ansprech­partner und Angebote erhalten. Wir wollen nicht alles gleich­machen, sondern die jewei­ligen Stärken gezielt weiter­ent­wi­ckeln. Für die Beschäf­tigten entstehen neue Entwick­lungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

In einem größeren Unter­nehmen können Mitar­bei­tende Erfah­rungen an verschie­denen Stand­orten sammeln, sich spezia­li­sieren oder neue Aufgaben über­nehmen, ohne den Arbeit­geber wechseln zu müssen. Das eröffnet insbe­sondere in der ärztlichen Weiter­bildung und in spezia­li­sierten Berufs­gruppen zusätz­liche Perspek­tiven. Dabei wollen wir Verän­de­rungen nicht über die Köpfe der Mitar­bei­tenden hinweg gestalten. Unser Ansatz ist: erst analy­sieren, dann die Beschäf­tigten einbe­ziehen und anschließend die beste Lösung aus den Erfah­rungen der einzelnen Häuser entwi­ckeln. Wir setzen nicht auf starre Schablonen, sondern auf Lösungen, die zu den jewei­ligen Stand­orten und ihren Kompe­tenzen passen.

Wie wird Ihrer Meinung nach die Kranken­haus­land­schaft in 10 oder 15 Jahren aussehen?

Michael Schmidt: Eine verläss­liche Prognose ist angesichts der wirtschaft­lichen Lage und der laufenden Kranken­haus­reform kaum möglich. Klar ist aber: Es wird künftig weniger Kranken­häuser oder weniger Leistungs­an­gebote an einzelnen Stand­orten geben. Die Versorgung wird sich stärker spezia­li­sieren und vernetzen. Unsere Antwort darauf lautet: klare Profile, enge Zusam­men­arbeit und eine starke gemeinsame Struktur. Wir wollen die medizi­nische Qualität weiter­ent­wi­ckeln, die Standorte sinnvoll ergänzen und unseren Beschäf­tigten langfristige Perspek­tiven bieten.

Der Wandel wird sich nicht aufhalten lassen. Entscheidend ist, ihn so zu gestalten, dass die Versorgung der Menschen auch künftig verlässlich und hochwertig bleibt.


Quelle: Erschienen 09.2026 im Magazin Nordhessen Champions

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